Quelle: Ramon Kramer

Quelle: Ramon Kramer

Marc-Uwe Kling ist Anfang 30, Kleinkünstler aus Berlin und singt bei seinen Auftritten gern mehrere traurige Lieder. Die meiste Zeit wirkt er gleichgültig und sitzt an einem Tisch und liest aus seinen Bücher, die viele feiern. Er schreibt über sein Zusammenleben mit einem kommunistischen Känguru, das Nirvana hört. Auf der Bühne albert er nicht herum, er macht keine Faxen, um unnötig aufzufallen oder witzig zu wirken. Marc-Uwe Kling überzeugt durch seine Worte – am vergangenen Sonntag, den 24.03.2013, war er mit seinem Programm “Die Känguru-Offenbarung” im Stuttgarter Theaterhaus zu Gast – und bestätigte die große Anerkennung, die ihm viele zuschreiben.

Die große Begierde ist ein weiterer Fakt für die Qualität seiner Auftritte: Eine Stunde vor Beginn tummeln sich einige Leute vor dem Theaterhaus, die mit “Suche Karten”-Schilder aufzeigen, dass auch nach zwei ausverkauften Vorstellungen an einem Tag im größten Saal weiterhin Interesse besteht, ihn live erleben zu wollen. Mehr geht nicht.

“Ich weiß schon, Sie sind nicht wegen mir hier.”

Auch wird Marc Uwe-Kling nach der Vorstellung wissen, dass er einen sehr guten Job gemacht hat – soeben hat er mehrere hundert Menschen exzellent unterhalten und dabei immer er selbst geblieben. Darin liegt seine Qualität – und in seinem Programm, mit dem er aktuell auf Tour ist. Die Känguru-Offenbarung führt seine Textsammlungen nach den bereits erschienen Werken “Die Känguru-Chroniken” und “Das Känguru-Manifest” fort – im vorigen Band wurde eben jener Protagonist, das Känguru, abgeschoben. Im heutigen Vortrag der Känguru-Offenbarung erscheint es wieder. Nachdem er die Ankunft des Kängurus beschrieb, ertönt im Publikum Applaus, denn das Känguru ist der Fokus des Programms, es ist dauerhaft vorangestellt. So kommt man nicht drumrum, über das Känguru zu berichten als über dessen Schöpfer Marc-Uwe Kling selbst. Der Autor spielt damit und weiß, dass die Leute mehr nach seiner Figur fragen als nach seinem Erfinder. Das macht ihm nichts aus, da er das Känguru als doppeltes Sprachrohr nutzt. Beide begegnen sich auf gleicher Ebene und ergänzen sich, das Känguru ist ein Ventil eigener Gedanken – mit ihm hat Kling ein wahrhaftiges und realitätsnahes Wesen erschaffen, das sich auf jedermanns Boden bewegt.

Das geht sogar so weit, dass unter dem breit gemischten Publikum, das sich von Jung bis Alt erstreckt, auch ein als Känguru kostümierter Zuschauer mit einer Packung Schnapspralinen in der Hand befindet – eben genau wie im Buch beschrieben. Das ist kein Faschingsumzug und kein Harlem Shake, das ist pure Hingabe und Verehrung gegenüber einer etablierten Figur. So trifft eben jener Zuschauer genau den Punkt, den das von Kling erschaffene Känguru ausmacht: Ein Abbild von beinahe jedem Menschen dieser Erde. Denn wo großes Lachen ist, um das man heute kaum herum kommt, ist meistens auch Sozialkritik. Diese schwingt im gesamten Vortrag subtil mit, ob beim Lied “Ich hätt’ so gern ein Hobby” in dem der Berliner neben Googeln, Cover zu Mp3′s hinzufügen, Bushaltestelle oder Drogen all die Dinge aufzählt, in die so viele täglich Zeit und Arbeit investieren, dies aber niemals als klassische Hobbies bezeichnen würden – es nach Definition aber welche sind. Denn neben der Lesung seines neuen Werks spricht er zum Beispiel auch die Problematik der willkürlichen Diskrimierung von Trinkvögeln in einem Klavierblues an – oder er zeigt die Banalität von SAT1-Film(-Film)-Titeln in Form einer Aneinanderreihung auf, um sie demonstrativ zu verulken.

Das neue Programm, das wie in den bisherigen Werken zum größten Teil aus Dialogen zwischen dem Autor Marc-Uwe Kling und dem Känguru bestehen, trägt Kling wie gewohnt elegant und gelassen vor: Die quietschende Stimme des Kängurus ist dabei längst ein Markenzeichen und im Programm nicht zu ersetzen. Vor dem eigentlichen Hauptvortrag und zwischen jedem Kapitel der Känguru-Offenbarung trägt Kling seine allseits beliebten “falsch zugeordneten Zitate” vor. Passend nach dem Abschluss eines Themas sorgt er mit diesen für eine satte Abrundung. So lässt er einzelne Kapitel nicht offen, sondern greift auf vorher angesprochene Inhalte zurück und schließt den Gedanken ab. Nachdem er auf einem Mini-Synthesizer eine Abwandlung eines 80er-NDW-Hits von Trio zum Besten gibt, beendet er den Programmteil mit dem falsch zugeordneten Zitat “Da da da. – Das russische Parlament” – Mittlerweile beteiligen sich viele an neuen Zitaten, sodass Marc-Uwe Kling einen Kalender veröffentlichte, in denen man ein gemeinsames Werk täglich bestaunen kann.

Abgesehen vom bloßen Witzigfinden und den guten Gedanken Bestätigung zu schenken erzeugt Marc-Uwe Kling vor allem einen Denkprozess. Er ist mehr als ein Comedian und bringt nicht nur viele Menschen zum Lachen, er bewegt auch etwas: Er schafft es, die stumpfen menschlichen Gewohnheiten aufzugreifen und in ihrer Exaktheit peinlich genau darzustellen. Tausende lachen über ihre persönlichen Eigenarten, sie lachen über sich selbst. Das, was Loriot mit seinen Filmen aufzeigt, erzeugt Marc-Uwe Kling mit Worten auf der Bühne. Dazu benötigt er keine große Show und bunte Lichter – er sitzt apathisch vor einem Tisch und arbeitet die Vorstellung regelrecht ab. Sein Auftreten unterstreicht zudem die Intensität und Wirkung seiner Texte und verleiht ihnen doppeltes Gewicht. Und mit jedem großen Lacher, die heute oft zu verzeichnen sind, markiert er sein Manuskript mit einem “Witzig” oder “Nicht witzig”-Stempel. (Klein)kunst ist Handwerk, Kling vermittelt es. Nach zwei Stunden und drei Zugaben (und einer halben Stunde Programm mehr als geplant!) verteilt er Handküsse und lächelt aufrichtig ins Publikum. Er ist ein Mensch wie jeder andere auch – bloß einer, der sie versteht.

www.marcuwekling.de

Pressefoto: Ramon Kramer