- von Alex Siebner - Menschen setzen sich bewusst der Beurteilung einzelner Persönlichkeiten aus. Im Moment läuft die derweil elfte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) – und es ist kein Ende in Sicht. Formate wie „Shopping-Queen“ und „Germanys Next Top Model“ werden in Dauerschleife fortgesetzt und finden rege Anklang.

Neues BildWir vertreiben uns – der ein oder andere mehr oder weniger – die Zeit mit dem Surfen im Internet, dem hören von Radio und vor allem dem Fernsehen. Letzteres, mag man meinen, ist nur darauf ausgelegt, die Menschheit zu verdummen. Dies scheint sie zu schaffen – ein Blick in die leeren oder griesgrämigen Gesichter deutscher Passanten genügt. Aber weshalb schauen wir so viel fern, tun uns das dumme Gelaber von Kay One bei DSDS an, bewerten zu Hause die Kandidatin bei Shopping Queen oder schauen uns eine Hochzeit an, die uns eigentlich nicht interessieren sollte, ist ja schließlich eine höchst intime Angelegenheit. Alles scheint darauf hinzudeuten, dass wir Medien-Machochisten sind, die sich gern durch niveaulose Sendungen malträtieren lassen und andere bewerten.
Die Frage bleibt ohnehin: Was ist mit unserer Gesellschaft los, dass es immer mehr Sendungen gibt, bei denen mehr oder minder bemittelte Kandidaten um Punkte streiten; am Ende gewinnt dann der oder die mit den höchsten (Mitleids-)punkten.
Einige Menschen stellen sich also gern ins Rampenlicht – das ist legitim und gut. Wo wären wir ohne Schauspieler, Politiker und Liebhaber des öffentlichen Lebens? Aber erklärt das den ganzen Müll im Fernsehen? Scheinbar wissen einzelne Personen einfach nicht mehr, wo sie stehen und was sie sind, gar was sie wert sind. Es scheint somit der Hilferuf nach Orientierung und Wertzuschreibung seitens Dieter Bohlen (DSDS), Guido Maria Kretschmer (Shopping Queen) zu sein. Klar ist, dass in letzter Zeit der Wert einer Arbeitskraft, Hausfrau oder Mutter subjektiv gesunken ist, aber erklärt das die Flut an Menschen, die zwanghaft danach streben, Punkte für ihr Aussehen, ihren Gang, ihre Schönheit, ihren Gesang zu erhalten?

Bei den einen werden Punkte für das leckerste 3-Gänge-Menü vergeben, bei anderen ist das geshoppte Outfit von Bedeutung und wieder andere vergeben Fotos für das beste Fotoshooting.

Gerade das Letztere praktiziert Heidi Klum schon weitaus länger, was andere erst später angefangen haben – das Casten des hübschesten, schönsten, extrovertiertesten Models. Pervers ist hierbei, dass es alles Adjektive sind, die nur auf rein subjektiver Ebene bewertet werden können. Sind wir es denn nicht leid, immer Entscheidungen zu treffen, denn das sind ja Bewertungen letztendlich. Ist diese Hose schöner oder diese, welche Tasche ist passender, was steht ihr/ihm? Vielleicht verleitet gerade diese (oftmals wichtige) Entscheidungsflut im Alltag dazu, sich vor den Fernseher zu setzen und auch mit seiner Bewertung nicht falsch liegen zu können. Es hört, liest und bekommt keiner mit.
Dem Menschen muss ein Wert zugemessen werden. Dies ist kein Euro-Betrag, darauf haben sich die meisten Länder geeinigt; Menschenleben ist unbezahlbar, aber jetzt geht es eben mit Punkten und Fotos weiter. „Andere können uns nur so sehen wie wir uns selbst sehen“, kann der folgerichtige Schluss sein. Die Wertschätzung für die Person hat zweifelsfrei abgenommen, Menschen sind im Betrieb in Zeiten von Zeitarbeit innerhalb von Tagen beliebig auswechselbar, wer murrt, fliegt. Das ist nicht richtig und macht auf Dauer Burnout, aber die Realität, die möglicherweise zu einer Identitätskrise und der Entscheidung führen kann, sich selbst – möglichst unabhängig und extern – bewerten zu lassen. Letztendlich findet sich dieses orientierungslose und voller Selbstzweifel geplagte Individuum in einer Castingshow oder wird von der längst nicht mehr erfolgreichen Marianne Rosenberg geplagt, die auch schon mal frischer ausgesehen hat.

Foto: Copyright VOX/Constantin Ent.