Beim Trickfilmfestival diese Woche in Stuttgart gibt es viel zu sehen, die Vielfalt ist enorm und längst nicht auf Spielfilme reduziert. Zum Beispiel wurde am vergangenen Mittwoch bei der ersten von insgesamt drei Kultnächten der Fokus auf 31 verschiedenste Musikvideos gelegt, die aus animierten Filmelementen bestehen. Wo oft Musikvideos eher als Beiwerk zum Song wahrgenommen werden, die man kurz auf Youtube am Laptop hauptsächlich um das Lied zu hören anklickt, wird heute der Spieß umgedreht: Die Aufmerksamkeit gilt heute den 3-5 minütigen Filmen, die Musik beigleitet. Wir von OYSTR waren dabei und stellen euch unsere Highlights vor.

Ein Raunen geht durch den Saal. Bei Ah’s, Oh’s und wertschätzendem Applaus nach jedem der 31 Videos ist der Abend im Metropol Kino bei der Kultnacht “Music Animated Videos”  echtes Kinofeeling. Wann sieht man schon mal Musikvideos im Kino, konzentriert sich voll auf deren Handlung und hat dabei so gute Sound- und Bildqualität? Die erste Kultnacht beim 21.Trickfilmfestival ist etwas besonderes. Musikvideos gibt es in Massen und werden unterschätzt. Heute gilt 31 von ihnen die volle Aufmerksamkeit, doch es ist nicht irgendwelche Videos. Sie sind futuristisch bis realitätsnah, bewegend,  gefühlsvoll, komplex, dramatisch, tierreich, düster und grell – aber immer animiert und beeindruckende Kunstwerke. Die Songs, für die sie erstellt wurden, sind ebenfalls von Dymnamik, Herkunft, Genre und Stimmung komplett unterschiedlich. Von Elektro, Indie-Rock, Singer/Songwriter, fremdsprachig, instrumental oder Jazz ist alles dabei. Auch ist keiner von ihnen älter als drei Jahre alt.

Den Beginn macht das kürzeste von der Auswahl, “True Giant” von Dead Fader, zwei Minuten rot und schwarz bescheren eine stimmungsvolle, wenn auch nicht atemberaubende Eröffnung, die direkt in das schrägste Musikvideos übergehen soll, denn im Kurzfilm vom österreichischem Daniel Moshel sieht man einen spießig gekleideten Mann Carmen’s “Habanera” singen, das durch den einsetzenden Remix, Latexkleidung, Zügellosigkeit und kompletten Chaos zum Harlem-Shake wird. Ganz anders ist dagegen der darauffolgende Beitrag von Michael Fragstein. Erst in diesem Jahr veröffentlicht sieht man das detailverliebte und abstrakte Video zu “Happiness Has A Hole” von der Stuttgarter Musikerin Marie Louise, die selbst im Kino sitzt.

Direkt danach folgt “Flamingo” von Carl Zitelman aus Venezuela, Musik von Henry D’Arthenay, der leider nicht im Internet zu finden ist, aber von seinem schwarz/weißen Beginn im Weltraum bis hin zu Monstern, Spinnen im Walfischbauchgefängnis in Farbe ein packender Fünfminüter ist, der definitiv im Kopf bleibt.

Auch bleibt “Allaxis” vom französischen Kaly live Dub im Kopf, dessen ernstes Video von einer langen Autofahrt ins Ungewisse, verbunden mit zum Beat wechselnden Figuren, Waffen, Monstern ein echter Action-Streifen ist, der vom energischem Instrumental-Dubstep-Song (Wasaru) begleitet wird.

Äußerst abwechslungreich ist auch das nächste Video zu “Monkey Rag”, das wie der Song selbst fröhlich, farbenfroh und lebendig ist. Die amerikanische Filmemacherin Joanna Davidovich spielt dabei eine Liebesgeschichte mit wildem, aber heiterem Szenenwechsel nach und orientiert sich dabei komplett an der Geschichte des Songs.

Denn auch hier gibt es große Unterschiede: Manche Musikvideos mag man auch mit Verbindung zum Song inhaltlich nicht so ganz verstehen, die vielleicht nur als optisch anspruchsvolles Beiwerk zum Song gedacht waren, eine Art zweites Kunstwerk neben dem Lied. Andere wiederrum lassen einen sofort deutlich erkennen, dass der Filmemacher sich genau am Song orientiert hat und ihn mit seinem Musikvideo bildlich erweitert, ausbaut und fast schon echtes, fiktives Leben gibt.

Mit “Retreat!” folgt das Video einer Soul-Legende: Sharon Jones wird im Video von Lizzi Akana selbst dargestellt, wie sie elegant über den Erdball als schillernde Discokugel stolziert, nachdem sie sich gegen eine Herde Wölfe zur Wehr setzte. “Retreat!” zeigt zum ersten Mal den Musiker selbst im Video integriert, schon die deutsche Indie-Band Wir sind Helden drehten vor einigen Jahren mit “Von hier an blind” ein Trickfilm-Musikvideo, das sie sogar live aufführten. Heute sind sie in der Auswahl nicht dabei, aber bei den Beiträgen von den Stuttgartern Sea+Air und den Hamburger Punklegenden Die goldenen Zitronen spielen die Bands im Video wieder eine Rolle.

Neben “Allaxis” von Kaly Live Dub ist das Musikvideo zu “Separated” (Stan Lee Cole) vom belgischem Filmemacher Mark Borgions der Höhepunkt der ernsten und emotional aufwühlendsten Beiträgen des Abends, was im erstgenannten eher an der im Video erzeugten zähen Anspannung und Ausweglosigkeit liegt, “Separated” durch seine realitätsnahe und detailgetreue Erzählung einer Beziehung vom Kennenlernen bis zum Sterbebett direkt ins Herz trifft. Die liebevoll gestaltete Szenerie zeigt einen alten, unglücklichen Mann stets nur zur Hälfte, der ein graues Alltagsleben führt, bis er im Park auf die Liebe seines Lebens trifft, die ebenfalls nur zur Hälfte gezeigt wird. Als sie sich berühren werden ihre Körper vollständig, das Video zeigt eine glückliche und lange Ehe, die ihr trauriges Ende am Sterbebett des Mannes findet und die alte Dame im Moment des Ablebens ihres Geliebten wieder nur zur Hälfte wird. Es zeigt uns auf rührende Weise, wie Menschen durch Liebe zum vollständigen Glück finden.

Knetvideo “Ain’t no fish” lässt an Pingu erinnern und sticht durch diese spezielle Form von Umsetzung ebenfalls heraus, der Song besitzt leider einen eher negativen Ohrwurmcharakter.

“Do Animals Cry” ist nicht nur aufgrund wegen des schönen Videos mit Bandbeteiligung, Katzen und Kaleidoskop-Optik ein Genuss, sondern auch wegen der Tatsache, dass es sich bei SEA+AIR um eine weitere Stuttgarter Band neben Marie Louise handelt.

Um Geld und Wortspiele geht es bei den Hamburger Punklegenden Die goldenen Zitronen im Video zu “Ich verblühe” . Das äußerst eindrucksvolle Video, in dem die Band subtil mitspielt und die abgedruckten Köpfe auf den Geldscheinen singen lässt, verwirrt und fasziniert gleichzeitig. Politisch war die Band schon immer. Sänger Schorsch Kamerun führt zudem im Stuttgarter Theaterhaus aktuell sein Stück “Denn sie wissen nicht was wir tun” auf.

Das tolle ist: Man lernt heute neue Songs durch die Videos kennen und man kann alle bei der Kultnacht gezeigten Musikvideos so oft man will im Internet nachschauen. Doch die Gelegenheit, ihnen besonders viel Aufmersamkeit zu schenken, gab es nur am Mittwoch. Die Kultnacht Music Animated Videos war die erste von drei Kultnächten des 21. Trickfilmfestivals. Informiere dich hier über die nächsten: http://oystr.info/?p=4337#more-4337

Foto: SJR-Archiv