Auf Einladung des Stadtjugendrings und der Sportkreisjugend war Ronny Blaschke, ein Sportjournalist aus Berlin, und Autor des Buchs „Angriff von Rechtsaußen – wie Neonazis den Fußball missbrauchen“, zu Gast in Stuttgart.

Er lieferte mit vielen eindrücklichen Beispielen, welches Ausmaß rechtes Treiben im deutschen Fußball hat und wie Neonazis durch den Fußballsport versuchen, ihre Ideologie in der Mitte der Gesellschaft weiter zu manifestieren. Blaschke schilderte, wie Vereine und Fangruppen damit umgehen und was getan werden müsste, um Rassismus und Rechtsradikalismus die rote Karte zu zeigen.
Das Buch kann hier bestellt werden.

Mit Ronny Blaschke hat der Stadtjugendring nach der Veranstaltung exklusiv ein Interview durchgeführt:

SJR:
Beim Vortrag in Stuttgart gab es nun große Differenzen in den Aussagen des Publikums, die gezeigt haben, dass jeder die Gefahr anders sieht: Etwa drastisch und zu vielen einzelnen Symbolen eine Verbindung zur Naziszene herstellend oder „ein rechtes Problem“ sei z.B. in Stuttgart „nicht existent“ – wie beurteilen Sie die Gefahr vor allem deutschen Fußball?

Ronny Blaschke:
Wir dürfen das Phänomen nicht auf Hitlergruß und NPD-Einfluss reduzieren, sondern müssen vor allem über menschenfeindliche Einstellungen sprechen, über Rassismus, Homophobie, Sexismus oder die Abwertung von Sinti und Roma. Durch das Freund-Feind-Schema im Fußball und die emotionale Aufladung, aber auch die übersteigerte Männlichkeit in den Stadien können die menschenfeindlichen Einstellungen leichter ausbrechen. Das gilt auch für Stuttgart. Daher ist die Aussage, das Problem sei “nicht existent” sehr fahrlässig. Es suggeriert der breiten Masse, alles sei gut und Probleme gebe es nur woanders.

SJR:
Wie kann man sich als Einzelner oder als Fan in der Kurve gegen solche Strukturen wehren?

Ronny Blaschke:
Zunächst sollten Bundesligavereine offensiv informieren und ein Klima der Akzeptanz schaffen, damit die Zuschauer sensibilisiert sind. Fürs Stadion sind pauschale Handlungsempfehlungen schwer zu geben. Aber Fans sollten wissen, an wen sie sich wenden können. Vor diesem Thema wäre ein unabhängiges Fanprojekt in Stuttgart von großer Bedeutung, mit unabhängigen Sozialarbeitern, die Verantwortung beim VfB einfordern. Neonazis, Rassisten oder Antisemiten legen ihre politische Meinung nicht am Stadiontor ab. Fans sind nicht nur Fans, sondern auch Arbeiter oder Studierende. Leider ist ein Fanprojekt bislang an der Bereitschaft der Kommune gescheitert. Die aber ist für die sogenannte Drittelfinanzierung nötig, zu der Kommune, Landesregierung und DFL jeweils ein Drittel zum Etat beisteuern sollten.

SJR:
Wie wäre es zu schaffen, Fußball wirklich als „gemeinsames Fest von allen“ zu gestalten und ist eine Veränderung von den jetzigen Strukturen der Fanszenen überhaupt absehbar?

Ronny Blaschke:
Wir sollten das Thema nicht dramatisieren, Fußball in Deutschland ist ein sicheres Familienevent. Aber es muss erlaubt sein, das politische Feld im Fußball anzusprechen. Wir sollten Politik nicht auf Parteien und Parlamente reduzieren, sondern den Fußball nutzen, um über demokratische Werte zu sprechen. Der gängige Reflex von Fußballfunktionären, links und rechts gleichzusetzen, ist ebenfalls fahrlässig. Rechtsextreme lehnen Gruppen der Gesellschaft aufgrund angeborener Merkmale ab, dagegen sollten sich Klubs aussprechen, in Vereinsmagazin oder auf ihren Internetseiten.

SJR:
Was wünschen Sie sich für eine Entwicklung innerhalb des Fußballs bei dieser Thematik?

Ronny Blaschke:
Plakative Botschaften wie die “Rote Karte gegen Rassismus” sind wichtig, aber sie können auch verpuffen, wenn sie nicht unterfüttert werden mit inhaltlichen Auseinandersetzungen. Es ist nachvollziehbar, dass im Amateurfußball viele Funktionäre auf ihre Vereinsarbeit konzentriert sind und ihr Ehrenamt kaum Antidiskriminierungsarbeit zulässt. Doch beim DFB und auch bei den Landesverbänden gibt es immer mehr Ansprechpartner, wo man sich Rat holen kann. Und sollte das noch nicht der Fall sein, kann man sich an Mobile Beratungsteams oder an Stiftungen wie die Friedrich-Ebert-Stiftung oder die Heinrich-Böll-Stiftung wenden. Dort gibt es ausreichend Material, das Codierungen erklärt oder Strategien beschreibt, wie man zum Beispiel mit dem Tragen rechtsextremer Kleidung in der Vereinskneipe umgeht.

SJR:
Ist Fußball und Politik wirklich zu trennen, wie es viele behaupten?

Ronny Blaschke:
Nein. Gerade Neonazis berufen sich auf die Trennung zwischen Sport und Politik, um so ihre Vorgehensweise zu verharmlosen. Sie wollen in die Mitte der Gesellschaft, und wo finden sie die? Im Breitensport. Sie engagieren sich als Sponsoren, Schiedsrichter, Betreuer und behaupten, dass sie im Ehrenamt Sport und Politik trennen können. Mit ihrem Engagement wollen sie Akzeptanz und Respekt erwerben. Wenn sie das über zwei oder drei Jahre geschafft haben, wollen viele Funktionäre die Gefahr nicht mehr erkennen. Deshalb muss man so früh wie möglich über demokratische Werte in Vereinen sprechen.

SJR:
Gibt es aktuell Fan-Projekte oder Aktionen von Vereinen, die sich diesem Thema widmen, die du gut und unterstützungswürdig findest? Welche sind das?

Ronny Blaschke:
Es gab einmal das Projekt “Am Ball bleiben”, das bundesweit Initiativen und Aktivisten vernetzt hat. Nach drei Jahren wurde es eingestellt. Das zeigt, wie scheinheilig diese Debatte auch sein kann. Die mehr als 50 Fanprojekte sind meist unterfinanziert, ihnen stehen pro Jahre nicht einmal 200000 Euro zur Verfügung. Wie sollen zwei oder drei Sozialarbeiter damit sinnvoll arbeiten können? Dabei ist diese Präventionsarbeit unverzichtbar, um bei den künftigen Meinungsführern der Fankurven das Entstehen von menschenfeindlichen Einstellungen zu verhindern.

SJR:
Wie erklären Sie sich die Verbindung von „Heimatreue/Liebe“ und der Leidenschaft zum Fußball? Wieso ist diese Verbindung so oft gegeben?

Ronny Blaschke:
Ich habe auch oft während der Recherchen Leitmotive gehört wie Ehre, Treue, Heimat, Familie, Stärke. Diese Bilder sind über Jahrzehnte gewachsen. Das Setting des Fußballs, eine meist männliche, chauvinistische und zum Teil autoritäre Haltung an den Tag zu legen, begünstigt das. Für viele Fans ist ihr Verein ein Symbol ihres Lebensumfeldes, Funktionäre, Spieler, aber auch Medien schüren diese Verflechtungen. Sie zelebrieren Rivalitäten und ziehen permanent Grenzen zu ihren sportlichen Gegnern. Das kann Menschenfeindlichkeit begünstigen.

SJR:
Vor einiger Zeit gab es wieder großen Aufruhr um die Thematik Homosexualität im Fußball. Bei der Lesung in Stuttgart hörte man, dass es „überhaupt kein Problem“ sei, würde sich ein Spieler outen. Wie sehen Sie das?

Ronny Blaschke:
Ich will nicht spekulieren und mutmaßen, wem hilft das weiter? Statt nach dem ersten schwulen Superkicker zu fahnden sollten wir die gesellschaftlichen Umstände und das Fußballmilieu beschreiben, die ein Coming Out noch unmöglich zu machen scheint. Bei dieser reflexhaften und oft schwammigen Berichterstattung würde ich mich als schwuler Kicker auch nicht der Öffentlichkeit zum Fraß vorwerfen. Gerade wir Journalisten sollten zeigen, dass Homosexualität und Sport kein Widerspruch ist. Es gibt mehr als 20 schwullesbische Fanklubs und mehr als 50 schwullesbische Sportvereine. Die Gay Games waren mit 10000 Athleten 2010 in Köln, es gibt Ausstellungen und, und, und. Warum berichtet fast niemand über diese Normalität? Ein Coming Out eines Profikickers wäre dann vielleicht nicht mehr so unrealistisch.

SJR:
Vielen Dank für das Interview!